.
Auf Höhenwegen zwischen Zams und der Braunschweiger Hütte:
Die Kaunergratvariante zum E 5 bzw. Via Alpina
von Manfred Neuber, DAV Sektion Mainz


Weitwanderwege durch die Alpen sind sehr beliebt und liegen bei Bergfreunden und Bergwandergruppen voll im Trend. Aus deutscher Sicht ist es vornehmlich die Nord-Süd-Richtung des Europawanderweges 5 (E 5), aber auch die gelbe Route der von Süd nach Nord verlaufenden Via Alpina.

Zwischen Zams und der Braunschweiger Hütte führen beide Fernwanderwege identisch etwa 30 km durch das innere Pitztal. Fast ausnahmslos legen die Bergwanderer auf dem E 5 bzw. der Via Alpina den größten Teil dieser Strecke, zwischen Wenns und Mandarfen, mit dem Linienbus zurück, um von dort zur Braunschweiger Hütte aufzusteigen. Dabei lassen sie (wohl aus Zeitgründen) das herrliche Pitztal und erst recht den Gebirgszug des Kaunergrats unbeachtet, letzteren auch deshalb, weil es dort bis 2007 keinen durchgängigen Höhenweg gab.

"Der Kaunergrat", so Dieter Seibert zutreffend in seinem schönen und lesenswerten Buch- und Bildband  Ötztaler Alpen,  "verdient in den Ötztaler Alpen die meiste Beachtung. In der gesamten Zentralalpenwelt Österreichs findet man nämlich nichts Vergleichbares! In langer Reihe stehen hier elf gewaltige, bis zu 3533 m hohe Berge, dazu kommt ein gutes Dutzend etwas kleinerer, aber immer noch recht markanter Gipfel. Sie alle zählen ausnahmslos – und das ist der Unterschied zu anderen Gebieten – nicht nur zu den auffallenden Felszinnen, sie zeigen auch jeweils ein ganz individuelles unverkennbares Profil".

Wer nicht darauf angewiesen ist, in kürzester Zeit über die Alpen nach Süden zu eilen, für den ist es überaus  lohnenswert, den Weg vom Zams zur Braunschweiger Hütte über den Kaunergrat zu nehmen. Dort findet der Bergfreund in reichem Maße noch ungeschminkte Naturschönheit: Stille, die kein Misston stört, gewaltige Felszinnen, luftige Gipfel und Joche, dazwischen in hochgelegenen Schluchten und Karen eisglänzende Gletscherfelder, die – wie überall im Zuge des Klimawandels – um ihr gefährdetes Dasein kämpfen. Wände von 500 m Höhe findet man hier gleich reihenweise, so die Watzespitze-Nordostwand (600 m), die Schwabenkopf-Nordwestflanke (930 m), die Rofele-Nordwand (700 m) oder die Gsallkopf-Nordostflanke (650 m). Daneben Wildbäche, Wasserfälle, eine reiche Flora und ganze Hänge voller Alpenrosen. "Die großartige Kaunergrat-Alternative gehört sicher zu den schönsten Abschnitten in diesem Wanderführer…", so die Autoren Stephan Baur und Dirk Steuerwald im Rother Wanderführer zum E 5 auf Seite 78 (Ausgabe August 2008).

Die E5- und Via Alpina-Variante über den Kaunergrat  beginnt (in Nord-Süd-Richtung beschrieben) an dessen nördlichem Ende, und zwar an der  bewirtschafteten Aifner Alm (1980 m, keine Übernachtungsmöglichkeit) Je nachdem, wo man nach der vorangegangenen Etappe übernachtet, führen unterschiedliche Routen dorthin. Nach einer  Übernachtung bereits in Zams, fährt man zunächst mit der Venetbahn auf den Krahberg (2208 m), wandert dann über die Goglesalm (2017 m)  weiter in Richtung des 2007 eingeweihten Informationszentrums des Naturparks Kaunergrat auf der Pillerhöhe unweit des Gacher Blick (1569 m) und von dort weiter gut markiert zur Aifner Alm. Wer dagegen am Vortag nach Auffahrt auf den Krahberg noch bis zur Galflunalm (1969 m) oder gar nach Piller gelangt ist und hier übernachtet hat, wandert über Piller (1353 m, hier Übernachtungsmöglichkeiten) hinauf zur Aifner Alm.


Naturparkhaus
unten:
Gacher Blick
rechts: Aifner Alm

Unmittelbar vor der Aifner-Alm zweigt der Weg in südöstliche Richtung auf den „Kaunertaler Panoramaweg“ zur Falkaunsalm ab. Das Panorama ist überwältigend. Es gibt den Blick frei auf den wild gezackten Kaunergrat bis hin zu „Ihrer Majestät“, der viel beschriebenen Watzespitze (3533 m), den höchsten Gipfel des Kaunergrates, auf den Kaunergletscher am Ende des Kaunertals, auf den auf der anderen Talseite liegenden Aachener Höhenweg sowie auf das Tal selbst. Über ihm die ersten Erhebungen des Kaunergrates mit der Aifner Spitze (2558 m),  Hohen Aifner Spitze (2779 m), dem Köpfle (2834 m), Stupfarriköpfle (2808 m) und Falkaunsjoch (2767 m). Die Falkaunsalm (1980 m) ist bewirtschaftet, bietet allerdings ebenfalls keine Übernachtungsmöglichkeiten an.


Kaunergratgipfel

Falkaunsalm
.
Gut und zügig gehenden Bergsteigern ist es möglich, an einem langen Tag bis zur Verpeilhütte zu laufen. In 9 -10 Stunden sollte das von den erwähnten Ausgangspunkten des Tages  möglich sein.  

Allerdings ist es empfehlenswert, in Höhe der Falkaunsalm eine Zwischenübernachtung einzulegen. 
Der Wirt vom Haus Bergland (Gesundheitsbauernhof - Hotel garni) Hans-Peter Hafele hat sich bereit erklärt,  die Wanderer von der  Falkaunsalm gegen ein Entgelt abzuholen und am nächsten  Morgen zurückzubringen (Tel.: 0043-54752280,  E-mail: bergland@netway.at, Homepage: www.hafele.info). 

Eine weitere gute Übernachtungsmöglickeit bietet der von der Falkaunsalm etwa  30 bzw. 45 Minuten entfernt gelegene „Wiesenhof“ (Tel.  0043 - 547-5236). 

Weitere Übernachtungsmöglichkeiten bieten sich im Talort Nufels an. Dazu geht man von der Falkaunsalm etwa 1 – 1,5 Std. und knapp 700 Hm abwärts auf dem alten noch gut erhaltenen Weg Richtung Nufels. Der Weg wird vom Tourismusverband zum Beginn der Bergsaison 2009 neu ausgeschildert. In Nufels gibt es mehrere Übernachtungsmöglichkeiten. Auskunft dazu gibt der Tourismusverband Tiroler Oberland – Kaunertal, Tel.: 0043-5475 292

Am nächsten Tag kann man über den alten Galrutweg, der auch neu ausgeschildert wird, auf die Galrutalm und dann die übliche Route entlang über den Dr. Angerer Höhenweg , Gsallalm und Verpeilalm zur Verpeilhütte wandern“.

Im Übrigen besteht auch die Möglichkeit, sich von der Falkaunsalm per Taxi zur Talübernachtung oder zur Verpeilalm (30 Min. zur Verpeilhütte) bringen zu lassen. Taxi Engl: 0043 – 547220288

Von der Falkaunsalm führt der Panoramaweg – er heißt jetzt Dr. Angerer-Höhenweg -  unter Beibehaltung der schönen und weiten Aussicht ohne Schwierigkeiten weiter zur Galruttalm (1980 m). Über ihr in der Gipfelreihe das Hintere Stupfarri (2895 m), Peischlköpfle (2913 m) und Wallfahrtsjöchl (2766 m) mit Übergang in das Pitztal. Ca. 2 Std. später wird die Gsallalm (1980 m) erreicht.


Dr.Angerer-Höhenweg

Verpeilhütte

Der Dr. Angerer Höhenweg führt von hier (neuerdings) weiter zur Verpeilalm (1804 m). Auf letzterem Wegstück recken sich  weitere mächtige Kaunergratgipfel wie Kleiner Dristkogel (2934 m), Großer Dristkogel (3058 m), Gsallkopf (3277 m) und Schweikert (2879 m). Von der Verpeilalm beträgt die Gehzeit zur Verpeilhütte (2024 m), DAV Sektion Frankfurt am Main) ungefähr eine halbe Stunde.

Die Etappe von der Verpeilhütte zur Kaunergrathütte verläuft über den von den DAV Sektionen Frankfurt und Mainz betreuten Alpenvereinsweg Nr. 926. Auf dem Weg hinauf zum Madatschferner lässt der Steig den Mooskopf (2532 m), Madatschkopf (2778 m) rechts und den Schwabenkopf (3378 m) links liegen, führt unter den bizarren Madatschtürmen vorbei über einen Sattel (2690 m) und weiter über Blockgelände bis zur breiten Rinne des Aperen Madatschjochs, dem Übergang vom Kaunertal ins Pitztal.


Verpeiltal

Anstieg zum Joch

Aperes Madatschjoch

Plangeroßtal mit Kaunergrathütte

Der Übergang über das Apere Madatschjoch (3020 m) ist sicherlich die Schlüsselstelle in der Kaunergratvariante und deren Kulminationspunkt. Die  beiden Alpenvereinssektionen haben zu Beginn der Bergsaison 2007 den Übergang mit großem Aufwand und hohen Kosten  klettersteigähnlich durchgängig versichert und für hochalpine Bergwanderer und Bergsteiger  sicher gestaltet, auf der Pitztaler Seite sogar auch mit Klettersteigset begehbar gemacht. Vom Joch gibt es eindrucksvolle Ausblicke bis ins Verwall und Stubai in der Ferne sowie zum Geigenkamm, zu den Graten der Watzespitze (3533 m) und zur südlichen Flanke der Verpeilspitze (3428 m) in der Nähe. Der Abstieg zur urigen, von Bergliebhabern geschätzten und von den Kaunergratriesen Watzespitze (3533m) und Verpeilspitze (3425m) flankierten Kaunergrathütte (2817 m), DAV Sektion Mainz) beträgt jetzt nur noch 45 Minuten.


Die Kaunergrathütte


und ihr Wappentier

In einer durchschnittlichen Tagestour ist das Wegstück von der Kaunergrathütte zur Braunschweiger Hütte zu bewältigen. Zunächst geht es weiter auf dem Weg Nr. 926 auf eine sehenswerte Moräne ungefähr 40 Minuten hinab zum Karlesegg (2452 m). Hier zweigt nach rechts der Cottbuser Höhenweg ab. Der teilweise ausgesetzte Steig bietet hoch über dem Lußbachtal und Pitztal zwischen Plangeroß und Mandarfen ein weiteres herrliches Panorama.


Watze-Spitze

unweit Karlesegg

Blick zum Geigenkamm

Cottbuser Höhenweg

Kurz nach dem Einbiegen des Steiges in die westliche Flanke des Pitztals muss eine steile, aber gut versicherte Rinne gequert werden. In knapp 3 Std. kann man vom Karlesegg die Bergstation der Seilbahn nach Mandarfen erreicht haben. An der Talstation stößt man auf den traditionellen Weg des E 5 (Ende der Busstrecke). Von da hinauf zur Braunschweiger Hütte sind es noch ca. 3 Std. Gehzeit. Wer nicht die Seilbahn benutzen möchte, kann in wenigen Minuten die ganzjährig bewirtschaftete Riffelseehütte (2293 m) der DAV Sektion Frankfurt am Main erreichen und nach einer Rast weiter auf dem  Weg Nr. 926 hinab ins Taschachtal steigen (1 Std.), um auf dem Fußweg ( Nr. 924) nach Mittelberg zu laufen. Dort trifft man unweit von Mandarfen auf den Aufstiegsweg zur Braunschweiger Hütte.

Literatur: 
   Die Kaunergratvariante hat mittlerweile auch Eingang in die Führerliteratur gefunden.
So ist der Wegverlauf im „Rother Wanderführer E 5“, Ausgabe  2009,  von den Autoren Stephan Baur und Dirk Steuerwald auf S. 78 ff  überaus lesenswert und gut bebildert beschrieben. 
- Ebenso durch Robert Mayer im E5-Wanderführer des Bruckmann-Verlags, Ausgabe 2009
Gute Beschreibung des Fernwanderweges Via-Alpina, Gelber Weg (Verlauf idenisch E5), durch Evamaria Wecker, Bruckmann-Verlag, Ausgabe 2009
Auch der Kompass-Verlag wird in Neuauflagen die Kaunergratvariante aufnehmen.

Manfred Neuber, DAV Sektion Mainz
.