Panorama Roteck | © Oliver Heil
Höhle | © Oliver Heil

Gipfel, Seen und Mäh im Texelgebirge

13.09.2026

Die Texelgruppe kennen viele Mainzer Bergfreund+innen von den E5-Touren der Sektion. Nach Überschreitung des Alpenhauptkamms führt Teil II der E5-Route auf dem Meraner Höhenweg an dessen Südseite entlang.

Eine von Martin Schultz-Kukula organisierte Tour führte vom 17. bis 26. Juli 2026 in das Herz des Gebirges - und auf einige seiner höchsten Gipfel. 

Mit dem Pfeldererhof hatte Martin eine überaus komfortable Unterkunft im Passeiertal als Start und Ziel gewählt.

Sie wurde von den Teilnehmenden auf unterschiedliche Art und Weise erreicht: Martin und Elli sowie Ariane hatten sich bereits in den Alpen akklimatisiert, vier Mann reisten in einer Fahrgemeinschaft direkt aus Mainz an, Dirk und Oliver mit den Öffis aus München - nur Marina hatte Pech und verpasste den letzten Zug über den Brenner, bevor die Strecke für Bauarbeiten gesperrt wurde, und kam dank Schienenersatzverkehr erst spät abends in Pfelders an.

Immerhin hatte das nette Hotelpersonal noch ein Abendessen für sie aufgehoben. Niemand sollte auf dieser Tour hungrig zu Bett gehen. 

Tag 1: Pfelders – Grafsee – Stettiner Hütte

Von Pfelders (1.618 m) führt eine Tagesetappe auf dem Meraner Höhenweg über gut 1.200 Höhenmeter auf die Stettiner Hütte. Die war auch unser erstes Ziel.

Allerdings hatten sich Martin und Elli eine etwas anspruchsvollere Variante für uns ausgedacht. Hinter der Lazinser Alm am Schluss des Pfelderer Tals folgen wir statt dem Hauptweg einem Pfad in ein Hochtal, die Andelsböden, und von dort steil bergan auf ein Joch, die Schafschneide (2.760 m). 

 

Vom noch etwas höheren Kamm aus können wir gut unseren Aufstiegsweg verfolgen und erkennen gegenüber dem Pfelderer Tal die Zwickauer Hütte (2.989 m) vor dem im Sonnenlicht gleißenden Planferner, Station auf Martins Tour im vorigen Jahr.

Wir befinden uns auch schon fast auf einer Höhe mit der Stettiner Hütte, gut getarnt vor der dunkel aufragenden Hohen Wilde (3.480 m) am gegenüberliegenden Hang. 

 

Der Haken: Es geht noch einmal bergab zum in einer Senke gelegenen Grafsee, anschließend kräftezehrend mit etwas Kraxelei am Fels und über Blockwerk wieder steil hinauf zu einem weiteren Bergsee direkt unterhalb der Hütte. 

Hier fallen bei einigen die Hüllen für ein wohlverdientes Bad, andere brechen einfach nur erschöpft am Ufer zusammen. Nach 1.400 Höhenmetern im Aufstieg erreichen wir schließlich gegen 16 Uhr die Stettiner Hütte (2.875 m) – keine Minute zu früh, denn direkt nach unserer Ankunft hält wie aus dem Nichts ein Regenguss Einzug. 

Herzstück des Alpinismus der Region

Die Stettiner Hütte gibt es in ihrer jetzigen Form erst seit 2022. Der Vorgängerbau war 2014 von einer Lawine irreparabel beschädigt worden. Ihre Außenwand aus rostrot-fleckigen Betonteilen fügt sich farblich fast nahtlos ins Gestein der Umgebung ein. Zusammen mit den Klappläden aus Metallblech hat das Gebäude eine fast schon industrielle Anmutung, die optisch nicht allen in der Gruppe gefällt.

Über sechs Millionen Euro hat die Südtiroler Landesregierung in den Neubau gesteckt, der als Herzstück des alpinen Tourismus zwischen Passeier- und Pfossental gilt.  

Während des Abendessens zieht ein Regenbogen nach dem anderen am Himmel auf, was dazu führt, dass sich immer wieder die Tische leeren, weil alle das Spektakel draußen auf Speicherchips festhalten müssen.

Wann ist man schon mal mit Regenbögen auf Augenhöhe?

Strecke: 12 km, Höhenmeter: +1.395 / -155

Tag 2: Stettiner Hütte – (Hohe Weiße –) Johannes-Scharte – Lodnerhütte

Ohne Akklimatisation ist eine Nacht auf fast 3.000 Metern Höhe wenig erholsam. So macht sich am Morgen nur die von Elli angeführte Hälfte der Gruppe auf zum Gipfel der Hohen Weiße (3.278 m), während die anderen zusammen mit Martin direkt das Eisjöchl (2.895 m) überschreiten und anschließend sich links oberhalb des Pfossentals haltend den Weg Richtung Lodnerhütte einschlagen. 

Der führt auf einem überaus anspruchsvollen Steig aus Eisentritten und an Ketten durch eine teils fast senkrechte Rinne unterhalb der Kleinen Weiße. Eine Regenfront sorgt hier für erschwerte Bedingungen, malt aber auch den nächsten hübschen Regenbogen in die Landschaft.

Im Abstieg auf der anderen Seite der Johannes-Scharte (2.876 m) ziehen die dunklen Wolken ab. Den Sonnenschein nutzen wir zum Trocknen der Regenkleidung und für eine ausgiebige Rast auf einer Wiese zu Füßen von Hoher Weiße und Lodner. Was für ein Panorama!

Der Rest der Strecke ist lockeres Auslaufen unter den anfeuernden Pfiffen der Murmeltiere, wobei uns kurz vor dem Ziel noch ein weiterer Schauer einholt. Es sollte der letzte der ganzen Woche sein. 

Die Lodnerhütte ist für Naturliebhaber

Nach dem Wellnesshotel und der modernen Stettiner Hütte ist die urige Lodnerhütte (2.259 m) mit ihrem schlichten Lager eine Umstellung. Zum Glück signalisieren die Wirtsleute, dass wir uns ruhig ausbreiten dürfen und nicht die nächsten drei Nächte wie die Ölsardinen nebeneinander liegen müssten. Die Lage der Hütte ist dafür einfach herrlich, ein schmaler Weg entlang des Zielbachs die einzige sichtbare Verbindung zum Rest der Welt.

Ein namenloser, mit einem Kreuz verzierter Hügel gegenüber eignet sich für einen netten Spaziergang am Nachmittag oder auch zum Luftschnappen nach dem Abendessen, denn dort oben hat man nicht nur besten Handyempfang, sondern auch Aussicht auf Rosengarten und Latemar am Horizont.

Mit großem Hallo begrüßen wir nachmittags die erfolgreichen Gipfelstürmer von der Hohen Weiße. 

Strecke: 5 bzw. 9 km, Höhenmeter: +250 / -870 bzw. +810 / -1.430

Tag 3: Lodnerhütte – Blasiuszeiger/Roteck – Lodnerhütte

Für den nächsten Tag steht gleich der nächste Dreitausender auf dem Programm, nämlich das Roteck (oder Rotegg), mit 3.337 Metern der höchste Berg der Texelgruppe. Wieder teilt sich die Gruppe: Der selbst leicht angeschlagene Martin nimmt einen Teil mit Richtung Blasiuszeiger (2.837 m), dessen Gipfelkreuz von der Lodnerhütte aus zu sehen ist, Elli bricht mit vier Mann zum Roteck auf.

Kletterpartie am Roteck

Durch steile Grashänge windet sich ein schmaler Pfad hinauf zur sogenannten Schafbank, anschließend über felsiges Gelände, wobei immer öfter die Hände zu Hilfe genommen werden müssen. Aus der Bergwanderung wird eine herausfordernde Kletterpartie.

In 3.240 Metern Höhe kommt die Schlüsselstelle: An Ketten und über Klammern geht es einen rechts und links steil abfallenden Rücken hinauf. Der Autor dieser Zeilen beschließt, an dieser Stelle abzubrechen und den Fortgang der anderen von sicherem Stand aus zu verfolgen. Für die geht es über eine weitere Gratschulter und schließlich zum Gipfelkreuz.

In der Nähe des Rotecks erhebt sich übrigens auch die Texelspitze, die dem Gebirge im 19. Jahrhundert ihren Namen gab. Der Alpinist Peter Karl Thurwieser soll bei seiner Besteigung des Similaun die Texelspitze als Hauptgipfel der Gruppe identifiziert haben anstatt des knapp 20 Meter höheren Rotecks. “Roteckgruppe” wäre aber auch sehr gewöhnlich gewesen. Sogar der Schwarzwald hat ein Roteck.

Strecke: 6 bzw. 8,5 km, Höhenmeter: 565 bzw. 1.075 

Tag 4: Lodnerhütte – Halsljoch – Lazinser Rötelspitze–- Lodnerhütte

Als nächstes ruft die Lazinser Rötelspitze (3.037 m). Weil Martins Verfassung sich über Nacht verschlechtert hat, zieht Elli nach dem Frühstück allein mit der Gruppe los. Nur drei folgen ihr bis zum wolkenverhangenen Gipfel, der Rest macht am Halsljoch (2.808 m) kehrt und verbringt eine entspannte Rast am malerischen Tablandsee (2.655 m). 

Nicht mehr von unserer Seite weichen will eine junge Ziege. Sie hat sich unterwegs aus einer Herde gelöst, ist mit zum Joch aufgestiegen und folgt uns nun auch auf dem Rückweg auf Schritt und Tritt. Vergeblich versuchen wir, sie wieder mit der Herde zu vereinen. Vielmehr folgt uns sogar die ganze Schar (mit Sicherheitsabstand) zur Hütte, zieht dann aber weiter das Tal hinauf.

Nur “unsere” Ziege bleibt meckernd am Gartenzaun zurück. Neue Freunde findet sie, als eine andere Wandergruppe vier ebenso junge Ziegen aus dem Tal mit raufbringt. Die Bande zieht noch den ganzen Nachmittag um die Hütte, ist aber am nächsten Morgen verschwunden. Doch wir bleiben nicht lange allein. 

Strecke: 8 km, Höhenmeter: 795

Tag 5: Lodnerhütte – Sattelspitz – Schutzhaus Hochgang

Auf dem Franz-Huber-Steig, einem anspruchsvollen Übergang zum Schutzhaus Hochgang, schließen sich uns am nächsten Tag gleich vier Jungziegen an.

Anscheinend lösen wir bei den Tieren einen Herdentrieb aus. Sie besteigen mit uns die Sattelspitz (2.748 m), lassen sich zufrieden kauend nieder, wenn wir Pause machen, lösen bei der Querung einer bröckElligen Rinne Steinschlag aus, was Ellis Geduldsfaden ziemlich strapaziert, und schließen sich am Hochganghaus nahtlos und ohne zu zögern einer Familie an, die gerade Richtung Tal aufbricht. Die Kinder sind begeistert, wir wünschen ihnen viel Spaß.

 

Das Schutzhaus Hochgang liegt direkt am Meraner Höhenweg und ist auch für Tagesausflügler leicht erreichbar. Entsprechend gut besucht ist die Hütte, entsprechend umfangreich die Speise- und Getränkekarte. Gegen Abend ebbt der Betrieb aber merklich ab und wir haben ein großes Mehrbettzimmer für uns.

Strecke: 8 km, Höhenmeter: +315 / -740

Tag 6: Schutzhaus Hochgang – Milchsee – Oberkaseralm

Das nächste Ziel und eines der landschaftlichen Highlights der Tour: die Spronser Seenplatte. Deren größtes Gewässer, den Langsee, erreicht man in etwas mehr als einer Stunde über einen steilen, aber hervorragend gepflegten Steig mit hunderten Stufen vom Hochganghaus aus.

Die insgesamt zehn Seen verteilen sich über mehrere Ebenen in 2.117 bis 2.589 Metern Höhe. 

Wir biegen ab zu den beiden Milchseen, denn die liegen in Richtung des Weges, der vom Halsljoch über einen Grat zu den Spronser Seen führt und über den Martin wieder zu uns stoßen will. Der war einen Erholungstag länger auf der Lodnerhütte geblieben. Elli geht ihm entgegen, die Gruppe zerstreut es nach und nach:

Einige ziehen bald weiter zur Oberkaseralm, dem nächsten Übernachtungsort, andere warten am See darauf, dass die Sonne herauskommt, so dass sich ein Sprung ins kalte Wasser lohnt. Anders als der Name vermuten lässt, sind die Seen nicht milchig-grau, sondern blau-grün spiegelnd und glasklar.  

Auf der Oberkaseralm wird’s eng

Je näher man der Oberkaseralm (2.131 m) kommt, desto mehr Betrieb ist an diesem Freitagmittag. Und das Matratzenlager würde bis in die letzte Ritze gefüllt sein. Zwei Nächte sollen wir hier verbringen. Dem Plan folgen aber nicht alle: Ariane wollte ohnehin bereits am nächsten Tag die Heimfahrt antreten, Dirk schließt sich ihr an und den Autor zieht die Aussicht auf einen entspannten Wellnesstag ins Tal. 

So verbringt die mittlerweile durch Martin komplettierte Gruppe einen letzten gemeinsamen Abend auf der Oberkaseralm. Weil es in der Stube nach dem (sehr guten!) Abendessen so voll und laut ist, verlegen wir die Runde für den Absacker nach draußen, wo es aber bald empfindlich kalt wird, so dass die meisten zeitig in die Schlafsäcke kriechen.

Strecke: 6,5 km, Höhenmeter: +710 / -415

 

Tag 7: Oberkaseralm – Tschigat/Mutspitz – Oberkaseralm

Ariane, Dirk und Oliver brechen in aller Frühe auf Richtung Spronserjoch (2.520 m) und zum Abstieg nach Pfelders. Elli nimmt nach dem Frühstück die eifrigen Gipfelsammler Helmut und Rainer mit auf den schon am Vortag von ihr erkundeten Tschigat (2.998 m) und Martin führt einen Ausflug zur aussichtsreichen, aber wegen der Nähe zur Seilbahn stark frequentierten Mutspitz (2.294 m) an.

Nachmittags sind die “restlichen Sieben” alle zurück auf der Oberkaseralm  und genießen je nach Gusto Erfrischungsgetränke, Buttermilch oder Kaffee zu Apfelstrudel und Kaiserschmarrn. Die Hütte ist im Vergleich zum Vortag nur noch überschaubar belegt – in der Stube, auf der Terrasse und später im Lager ist alles recht ruhig und entspannt. Beim abendlichen Bezahlen erhalten wir von Hüttenwirt Stephan eine Spirituose nach Wahl. Der Himbeergeist bekommt eine klare Empfehlung.

Strecke: 10,5 bzw. 7 km, Höhenmeter: 930 bzw. 335

Tag 8: Oberkaseralm – Spronserjoch – Faltschnalalm – Pfelders

Morgens scheinen sich alle Tiere der Alm von uns verabschieden zu wollen: Kühe, der schöne Esel, eine Gruppe Ziegen, ein Mutterschaf mit Lamm, der Hütehund und eine Katze; lediglich die im Stall eingepferchten Schweine fehlen. Über das Spronserjoch und durch das sehr schöne Faltschnaltal geht es zurück zum Pfeldererhof. 

Strecke 10 km, Höhenmeter: +450 / -965

 

Fazit an der Hotelbar

Nach einem wohlverdienten 5-Gänge-Menü lassen wir bei einer letzten Runde an der Hotelbar die erlebnisreiche, von abenteuerlichen Gipfeltouren gekrönte Woche Revue passieren. Einig sind sich die meisten darüber, dass der anstrengende Auftakt doch einige Körner zu viel gekostet hatte. Wie entspannt die Gruppe mit den sich ergebenden Herausforderungen umging, wie flexibel Elli und Martin Lösungen fanden, so dass letztlich alle eine ihren Fähigkeiten entsprechende Tour genießen konnten, hat einmal mehr bewiesen, dass Bergkameradschaft im Alpenverein mehr ist als eine Floskel. 

Text: Oliver Heil, Rainer Weingärtner 

Bilder: Oliver Heil